Künstler

Text: Stephan Berg

 

Der Terror der Oberfläche

 

Die Brisanz der Bildteppiche von Margret Eicher liegt in ihrer offensichtlichen Anachronizität.

 

In Zeiten ubiquitärer virtueller Benutzeroberflächen erzählt die Künstlerin ihre Bildgeschichten auf dem „langsamen“ Medium der Tapisserien, die seit dem frühen 15. Jahrhundert und bis in die Rokoko-Zeit als Gobelin zum festen Bestand feudalaristokratischer Repräsentations-Ausstattung gehörten.

 

Das längst nur noch museal rezipierte Medium zur Darstellung und Legitimation höfischen Herrschaftsanspruchs katapultiert sich über ein digital aus Werbung, Zeitungs- und Illustrierten-Abbildungen collagiertes neues Motivrepertoire unversehens in unsere Jetzt-Zeit und bleibt doch immer, ebenso Lapidar wie insistiert, mit der medialen Geschichte der Bilder seit der Frühen Neuzeit verknüpft.

 

Insofern geht die Materialität der früheren und die ungreifbare und in sich selbst kontingente Immaterialität der heutigen Bildproduktion in den Tapisserien von Margret Eicher eine schillernde, durchaus auch ironisch grundierte Verbindung ein.

 

Wie alle Bildteppiche Margret Eichers ist auch „Die Einschiffung nach Kythera“ ein Hybrid zwischen Verkörperung und Entkörperung.

 

Seine buchstäbliche Stofflichkeit produziert eine materielle Präsenz. Die von der glatten, künstlerischen Hyper-Perfektion der dargestellten Körper wieder dementiert wird.

 

Der Titel spielt auf Watteaus gleichnamiges berühmtes Bild aus dem Jahre 1717 an.

 

In dieser, im Louvre befindlichen Arbeit stellt Watteau die Reise verschiedener Paare zu der ionischen Insel Kythera dar, die in den griechischen Mythen als Ort der Glückseeligkeit und Heiligtum der Liebesgöttin Aphrodite beschrieben wird.

 

In der Watteau’schen Diktion und ganz im Einklang mit der von ihm begründeten Tradition der „Peinture des fêtes galantes“, ist dieses Bild von einer signifikant weichen, märchenhaften Stimmung getragen, die deutlich macht, dass es dem Maler in seiner Arbeit um den Entwurf eines Traumbildes und die Verdeutlichung der Macht der Poesie ging.

 

Die Einschiffung nach Kythera erscheint so als Metapher für die Macht der Vorstellung, deren Suggestion einer idyllischen Wunschlandschaft stärker ist als die Wirklichkeit selbst.

 

Margret Eichers auf einem Werbemotiv der Modefirma Dolce & Gabbana beruhende Bearbeitung des amourösen Kythera-Mythos macht aus den Liebenden, deren Glück in einem traumverlorenen, fernen Bild liegt, das im Grunde nie Wirklichkeit werden muss, weil alle Sehnsucht sich in sich selbst erfüllt, ein solipsistisches Spiel androgyner Androidenkörper.

 

Die fabelhaft perfekten Körper der Modelle befinden sich zwar gemeinsam in einem Raum, der übrigens auch ein Salon auf einer eleganten Jacht sein könnte, aber ihr Begehren gilt im Grunde einzig und allein sich selbst.

 

Das betrifft auch das einzige Paar der Szene, dessen Umarmung deutlich macht, wie sehr die hier vorgeführte rituelle Lust nicht dem anderen, sondern der eigenen Stimulation gilt.

 

Von einer üppig schwellenden Pflanzen-Bordüre umrahmt, in deren vier Bildecken ineinander verschlungene Orgienkörper sozusagen die Ornamentalisierung einer ewigen pornographischen Lust bebildern, kündet Eichers Kythera-Teppich von einer eisigen Erstarrung.

 

Die zu Stofftierchen domestizierte Natur von Tiger- und Leopardenjungen bildet den perfekten Hintergrund für eine Leiblichkeit, die ihre Befriedigung allein aus einer isolierten Ich-Bezogenheit und der Vergottung eines Körpers zieht, dessen Referenzpunkt eben nicht mehr die Natur, sondern seine Kunstform, die zur Pose, zum Bild erstarrte Figur des Narziss ist.

 

Auf dem Bild von Watteau bleibt bewusst unklar, ob es sich bei der besagten Einschiffung um den Abschied oder um die Ankunft auf der Insel der Kytherischen Venus handelt, wodurch der schwebende Charakter einer Traumszene noch verstärkt wurde.

 

Die Reisenden auf Margret Eichers Bild dagegen kennen wieder die Lust der Ankunft noch den Schmerz des Abschieds oder die Sehnsucht, die im Dazwischen siedelt.

 

Gefangen in der Agonie eines ewigen Spiegelfantasmas, sind die Bilderkörper in einer Bildererzählung, die beweist, dass der wahre Terror aus der perfekten Oberfläche entsteht.

 

Text: Stephan Berg, Direktor Kunstmuseum Bonn

 



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