Künstler

Text: Hans-Günter Golinski

 

Eins, Zwei, Drei

 

Der elegante Empfangssaal des Kulturministeriums des Landes Rheinland-Pfalz, im dem die Landesregierung häufig internationale Gesandtschaften empfängt, wird seit einigen Monaten optisch von einem Gastgeschenk der Volksrepublik China beherrscht: Die Künstlerin Margret Eicher fertigte im Auftrag des chinesischen Staates zum vorgegebenen Thema „Der Trank der Götter“ für diesem offiziellen Ort eine monumentale Tapisserie mit den Maßen 300 x 400 cm.

 

Die asiatische Großmacht sieht in der Assimilation westlicher Kunst- und Kulturgüter zum Zweck der visuellen Synthese eigener und fremder Ideologien eine wichtige Chance zur Erweiterung ihres Einflussbereiches.

 

Insbesondere die nahezu in Vergessenheit geratene Kunstform des Bildteppichs setzt sich gegenüber gängigen Massenmedien ab und wirkt so besonders nachhaltig auf die Betrachter.

 

Eine eigene, hochentwickelte Tradition der Web- und Knüpfkunst vorweisend, besannen sich die Kulturfunktionäre auf die europäische Kunstgeschichte – Heinrich IV hatte zu Beginn des 17. Jahrhunderts mit der seit dem 15. Jahrhundert tätigen Wollfärberfamilie Gobelin eine „Königliche Gobelin Manufaktur“ gegründet, nach deren Vorbild europaweit eine besondere Kunstgattung zum Zwecke mythologischer Legitimation der Herrschergeschlechter und höfischer Machtdemonstration fortentwickelt wurde.

 

Fast unbemerkt verschmilzt die Grundform jedes schöpferischen Gestaltens – das Ornament – in seiner jeweiligen Eigenart zusammen, so gibt das asiatische Mäanderband die äußeren Grenzen zwischen Realität und Kunstwelt vor, die eine barocke Bordüre aus Früchten nachzeichnet.

 

Zusammen bieten sie den prachtvollen Rahmen für das Hauptmotiv. In den Ecken des Mäander und der Ranke, die traditionell die Enden der Welt symbolisieren, sind Vögel und neben Trauben das Coca-Cola-Signet hinein komponiert, Sinnbilder für Freiheit und für ewiges Leben (Coca-Cola als die moderne Form des Nektars bzw. Tranks der Götter), sie verweisen auf die noch zu benennende Botschaft des Bildes.

 

Obwohl man auf die Seh-Gewohnheiten des deutschen Betrachters eingeht, und die Rezeption durch die Verbindung von vertrauten historischen und zeitgenössischen Bildmedien leicht gemacht wird – der Bildteppich erscheint zugleich wie eine Filmleinwand – beharren die Auftraggeber – wenn auch zurückhaltend – auf der Präsenz ihrer spezifischen Machtsymbole: Das von Raum und Zeit gelöste Herrscherporträt des vorsitzenden Mao sowie einer seiner standardisierten Kernsätze, in dem zum fleißigen Kampf für die kommunistische Revolution aufgerufen wird, abgerundet durch das traditionelle Symbol kosmischer Ganzheit.

 

All die aufgezählten Details nimmt das Auge wahr, wenn es das Eigentliche des Bildteppichs genießt: Von gleißendem Sonnenlicht – oder Scheinwerferlicht – beschienen, sehen wir vor einer naturgewaltigen Landschaftskulisse Chinas einen jungen Chinesen in überlieferter und zugleich modernisierter Volkstracht gekleidet Coca-Cola trinken.

 

Durch seine Kleidung und seine Darstellung im geschlossenen Profil entzieht er sich der Betrachterwirklichkeit.

 

Selbst die in der amerikanischen Werbung eher billig erscheinende Blechdose mutet durch die chinesischen Schriftzeichen und durch die pathetische Gestik wie ein kostbares Lackgefäß an – das Getränk scheint diesen jungen Heroen in eine andere, im Schriftband propagierte Dimension zu transformieren – vielleicht in die der Wirklichkeiten Utopie Maos.

 

Das westliche bzw. amerikanische Getränk, das alle Trinkkulturen erobert hat, wird von der chinesischen Obrigkeit bewusst wie viele andere westliche Kolonisationsformen der Kunst- und Alltagswelt (von der Mona Lisa bis McDonald’s) von der eigenen Kultur subsumiert und subversiv zu einem Machtinstrument umgeschmiedet.

 

Die „chinesische Cola“ verspricht Freiheit und ewiges Leben im riesigen Reich des großen vorsitzenden Mao sowohl für Chinesen als auch für den Rest der Welt.

 

Für diese imperiale Transformation von Kulturgut ist die von Margret Eicher entwickelte Bildstrategie der Collage und die Verwendung der vereinheitlichenden Webstruktur kongenial – mit einer derartigen neuen Staatskunst kann sie als weiblicher Pionier den westlichen Künstlern den Markt China eröffnen…

 

 

Text: Hans-Günter Golinski, Direktor Museum Bochum



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