LINK: Margret Eicher im 3sat-Interview
Die Wandteppiche von Margret Eicher
Ob Motive der antiken Mythologie oder solche aus dem "ProSieben"-Abendprogramm - kein Mythos ist der Mannheimer Künstlerin Margret Eicher heilig. Vorlage für ihre wandfüllenden Teppiche sind Bilder aus den Medien, die uns täglich berieseln, sowie Ikonen der Malerei. Eicher stilisiert sie zu Prototypen für unser Lebensgefühl. Die moderne Venus gibt sich bei ihr pornografisch.
"Die Venus als Callgirl oder die 'Desperate Housewives' als fünf Tugenden, das ist eine Trivialisierung und natürlich ein Spiel auch mit den trivialen, medialen Vorlagen", sagt Eicher über ihre Arbeiten. "Die 'Desperate Housewives' sind sicherlich im Bewusstsein vieler Menschen weitaus wesentlicher als die Referenz auf die eigentlichen Tugenden. Dies überhaupt in so ironisch gebrochene Weise ins Bild zu führen, wirft vielleicht die Frage nach Tugenden auf."
Herrschende Muster der Zeit
Ihre bildgewaltigen Tapisserien entwirft die Künstlerin am Computer. Der neueste Teppich mit dem Titel "Because The Night" kombiniert das Zeitungsfoto einer Demonstration und das Satellitenbild unserer Erde. Eicher verknüpft beides, umrahmt das Neue mit der edlen Bordüre der Gobelins. Digitale Technik verbindet sie mit dem traditionellen Handwerk des Teppichwebens.
"Die Idee zu den Tapisserien kam mir während einer Loire-Reise", berichtet Eicher. "Ich habe Tapisserien für mich entdeckt, weil ich feststellen konnte, dass auf den historischen Teppichen Themen zu finden waren, die meiner damaligen Arbeit entsprachen. Ich habe micht damals mit den sogenannten herrschenden Mustern beschäftigt. Da ging es um prototypisches Verhalten, um gesellschaftliches Verhalten von Menschen in unserer Gegenwart und ich fand, dass die Tapisserie des 17. und 18. Jahrhunderts insbesondere diese Themen für ihre Zeit repräsentiert."
Ein Gemälde des 18. Jahrhunderts von Thomas Gainsborough ist die Vorlage für den Teppich "Nach der Jagd". Im Zentrum steht die Rap-Ikone Snoop Dog. Der Titel "Nach der Jagd" ist eine Anspielung auf seine kriminelle Vergangenheit. Eicher zitiert und klaut - das ist ihr Programm. Die "Einschiffung nach Kythera" ist ein Rokoko-Gemälde von Antoine Watteau. Es zeigt Paare auf der Reise zur griechischen Liebesinsel. Eicher inszeniert ihre "Einschiffung" mit Werbefotos von Dolce und Gabbana - Narzissmus statt Romantik.
"Ich sehe die Inszenierungen von Menschen, von Figurengruppen und von Konfigurationen, die in unserer Sehgewohnheit schon durch die historische Malerei, durch die Kunstgeschichte angelegt sind", so Eicher. "Auf dieser Basis funktioniert ganz häufig auch Werbung, dass wir Bilder archetypisch im Kopf haben. Und Archetypen sind das was mich interessiert."
Provokation als Nebenprodukt
Und Eicher benutzt diese Archetypen. Ihr "Herrscher der Welt" sitzt im digitalen Schaltzentrum der Macht - anonym. Weniger anonym ist ihre Arbeit, die Angela Merkel bei Fischern auf Rügen zeigt. Im Wahlkampf 1990 wurde das Foto gezielt eingesetzt. Porsche-Chef Wendelin Wiedeking widmet Eicher ein postmodernes Reiterbildnis. Ist das Provokation? "Ich habe ein analytisches, kein provokatorisches Bedürfnis", sagt Eicher. "Es geht mir nie darum, vordergründig zu provozieren. Wenn eine Provokation entsteht, ist es ein Nebenprodukt."
Ihre Teppiche lässt Eicher im Ursprungsland der Webkunst - in Belgien - bei "Flanders Tapestries" weben. Die Ironie setzt sich so bis in die Produktion fort: Hohe Kunst wird in einer Weberei gefertigt, die ansonsten seriellen Souvenirkitsch produziert. Das jünste Werk heißt "Because The Night", der Titel eines Liebeslieds von Patti Smith. Der Teppich ist eine Anspielung an die mythische Figur "Atlas", der das Himmelsgewölbe tragen muss. Aber wer trägt Eichers Weltbild in sein Wohnzimmer?
"Dass man die Tapisserien nicht in ein Wohnzimmer hängen könnte, das ist ein unzulässiges Vorurteil", so die Künstlerin. "Aber es ist tatsächlich so, dass die Tapisserien häufig in öffentlichen Räumen hängen, im Museum oder in Firmen." Margret Eicher nutzt die Macht der Bilder. Sie schafft große Kunst und eine Brücke über die Zeit, in denen Gegenwart und Vergangenheit verschmelzen.

