Ausstellungen

Tusche tanzt auf bloßer Haut

Freitag, 09. Mai 2008

Manuel Jennen, Münstersche Zeitung


 

Chung übermalt Rodin

 

Münster • Die nackte junge Frau hat schützend den Arm vors Gesicht gelegt. Doch es hilft nichts: Ein Schauer dicker schwarzer Farbtropfen prasselt auf sie ein, bedeckt ihren Körper, sprengt den Rahmen des Bildes.

 

Es ist eine drastische Ausstellung in Münsters Picasso-Museum - auch wenn man auf den blassen, cremefarbigen Bildern im Halbdunkel der Räume zunächst kaum etwas erkennt. Aber wenn sich die Augen eingewöhnt haben, treffen sie auf die ungenierten erotischen Altersfantasien des großen Bildhauers und Zeichners Auguste Rodin (1840-1917). Und auf ihre modernen Verfremdungen durch den koreanischen Künstler Yong-Chang Chung.

 

Den Frauen nachgereist

 

Rodin sei fasziniert von jungen athletischen Frauen gewesen, erzählt Museumsdirektor Prof. Markus Müller. Er reiste Tänzerinnen nach und griff sogar zu Einwickelpapier aus der nächstgelegenen Bäckerei, wenn er sie ganz schnell zeichnen wollte. Seine späten Frauen-Aquarelle zeigen teils überdeutliche Ansichten des weiblichen Intimbereichs, teils sind sie aber auch so reduziert und schemenhaft, dass sie wie abstrakte Studien wirken. Eine Hand voll Originale aus dem Musée Rodin in Paris, aus Bremen und Saarbrücken sind in Münster als Leihgaben zu sehen.

 

Der in Deutschland lebende Koreaner Yong-Chang Chung verbrachte den Sommer 2006 als Stipendiat in Paris. "Es war tagsüber viel zu heiß zum Arbeiten, also ging ich in Museen und Buchhandlungen", erzählt er. In einem Laden entdeckte er einen Bildband mit Rodins erotischen Aquarellen und kaufte ihn. Das löste einen wahren Schaffensrausch aus: Chung trennte die Buchseiten heraus und fing an, sie nachts mit Pinsel und Tusche zu bearbeiten. "Morgens wurde ich wach, sah die Bilder auf dem Boden liegen und war immer wieder überrascht, was ich getan hatte", erzählt er.

 

Seine 131 Übermalungen sind im Picasso-Museum neben den Original-Aquarellen zu sehen. Chung nähert sich den Vorlagen auf sehr verschiedene Weise. Auf einigen Bildern übermalt er die Figuren vollständig schwarz. Auf anderen schmückt er sie mit Rahmen, schwungvollen Balken oder Spiralen. Und immer wieder lässt er die Tusche einfach auf die Buchseiten tropfen, mal vereinzelt wie schwarze Tränen, mal wüst und dicht wie eine zerstörerische Attacke.

 

Kunstvolle Kleckse

 

Meist jedoch tun Chungs Hingzufügungen dem Original keine Gewalt an, im Gegenteil. Sie akzentuieren spannend, was bei Rodin nur blass und angedeutet wirkt. Ihre volle Wirkung entfalten Chungs Bilder, wenn sie wie im Picasso-Museum in Gruppen gehängt sind und man mehrere Schritte zurücktritt: Dann lösen sich die schwarzen Balken, Kleckse und Spiralen von ihrem Untergrund und beginnen zu tanzen - wie die von Rodin so verehrten jungen Damen. Der Meister wäre gewiss angetan gewesen.

 



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