Wie Yong-Chang Chung Rodin traf
Münster. Der Sommer 2006 war heiß, in Deutschland spielte sich ein fußballerisches Sommermärchen ab. Der koreanische Künstler Yong-Chang Chung befand sich damals in Paris. Der Meisterschüler von A.R. Penck erlebte in jenen Tagen als Stipendiat eine schöpferische Initialzündung, als er einen Katalog mit Aktzeichnungen von Auguste Rodin (1840-1917) entdeckte.
Er löste die einzelnen Katalogseiten heraus und übermalte die Rodin-Reproduktionen mit schwarzen, oft kalligrafisch anmutenden Tuschezeichnungen. Meistens nahm er dabei den Pinsel, ließ Tusche auch ganz bewusst auf die Seiten tropfen. Mal strich er die liegenden, sitzenden oder sich räkelnden Frauenfiguren in den genialen Konturen Rodins nach, mal wurde die Vorlage gänzlich übermalt. 131 Zeichnungen sind in diesem fast rauschhaften Malprozess entstanden. Chung arbeitete nachts, wenn sich die heiße Sommersonne über Paris schlafen gelegt hatte. Für Museumsdirektor Dr. Markus Müller, mittlerweile auch an der Universität Münster als Honorarprofessor tätig, sind diese Werke des Koreaners nicht nur grafische Randbemerkungen, sondern zugleich eigenständige Kunstwerke.
Chung, der seit über 20 Jahren in Deutschland lebt, räumt im Gespräch mit unserer Zeitung ein, viel von Rodin und seiner genialen Formensprache gelernt zu haben. Ober- und Unterbild treten in einen lustvollen Dialog miteinander. Freilich wird es der Besucher im Picasso-Museum nicht versäumen, eine exemplarische Auswahl von originalen Rodin-Zeichnungen aus bedeutenden Sammlungen zu bestaunen, die wegen ihrer freizügigen Darstellung des weiblichen Körpers Anfang des 20. Jahrhunderts viel Aufregung stifteten.

