Als Yong-Chang Chung im Sommer des Jahres 2006 nach Paris fuhr, wollte er sich etwas Zeit, Ruhe, Freiraum gönnen und über die zukünftige Richtung seiner künstlerischen Arbeit nachdenken. Doch dann nahm der Zufall seinen Lauf. Der koreanische, in Düsseldorf lebende Künstler war auf die Hitze jenes Sommers nicht vorbereitet. Sein Atelier in der Pariser Cité des Arts entpuppte sich als Brutkasten. Er flüchtete sich in die gekühlten Räume von Museen, Buchläden und Cafes, wo er die typischen weißen Papiertischdecken mit spontanen Zeichnungen bedeckte.
Und dann fiel dem 51-jährigen Flaneur, der an der Kunstakademie bei Klapheck und Penck studiert hat, in der Buchhandlung Mona Lisait eine Ausgabe mit späten Zeichnungen und Aquarellen von Auguste Rodin in die Hände. Er kaufte das Buch gleich doppelt, löste die Blätter aus der Bindung und begann, die 131 farbigen Reproduktionen mit schwarzer Tusche zu übermalen. "Tusche und Pinsel lieh ich mir von einem Freund, denn auf diese Arbeit war ich ja gar nicht vorbereitet." Die Bilder, die so entstanden, kann man als Dialog zwischen zwei Künstlern oder als energischen Kommentar auffassen. Mal übermalt Chung die zarten Aquarelle und begräbt die weiblichen Aktzeichnungen unter undurchsichtigen Schatten. Mal greift er die Konturen der Rodin-Zeichnungen auf und lässt sie als "Begleitfiguren" ins Bild treten.
Um die Jahrhundertwende wurde die ungezwungene Erotik der Rodin-Blätter von vielen Betrachtern noch als skandlös und schamlos empfunden. "Ich finde das Gebotene so anstößig, dass wir unsere Frauen und Töchter warnen müssen, diese Ausstellung zu besuchen", empörte man sich damals in Weimar. Doch obwohl Yong-Chang Chung mitunter auch freizügige Details übermalt oder unter einem Regen von schwarzen Tropfen verschwimmen lässt: Mit dem schwarzen Balken der Zensur haben seine Eingriffe nichts zu tun. Er fühlte sich vielmehr von der Energie Auguste Rodins herausgefordert - und von der Spannung aus leeren und bezeichneten Flächen, die er dann in einen verstörenden Dialog zwischen Ober- und Unterbild ausufern lässt.
Unterschätzt den Zufall nicht!
Mit Rodin habe er sich vorher kaum beschäftigt, gesteht der Künstler beim Gespräch im Atelier. Immerhin - die zufällige Begegnung mündete mittlerweile in drei viel beachtete Ausstellungen. Schon Baudelaire hatte ja propagiert, dass man den Zufall nicht unterschätzen solle. Er beschrieb den Typ des Flaneurs, der sich in der Großstadt treiben lässt und so auf Unerwartetes triff. "Aus der Paarung mit dem Zufall erwächst laut Baudelair die zeitgemäße Kunst der modernen Großstadt." Diesen Satz liest man folgerichtig im Katalog zur Ausstellung von Chungs Rendezvous mit Rodin in Paris. Noch bis zum 20. Juli sind die Arbeiten im "Graphikmuseum Pablo Picasso" in Münster zu sehen.

