Ausstellungen

Auguste Rodin. Rendezvous mit Yong-Chang Chung

Mittwoch, 30. April 2008

Markus Müller, Vernissage


 

"Ich habe in Paris Rodin getroffen". Mit diesem lapidaren Satz hat der koreanische Künstler Yong-Chang Chung eine Folge von 131 Zeichnungen betitelt, die im Sommer 2006 in Paris entstanden. Chung war mehrere Monate Stipendiat an der Pariser Cité des Arts und fand in der Librairie "Mona lisait" im Pariser Quartier Latin ein Werk über die späten Zeichnungen und Aquarelle Auguste Rodins. Die Vorgeschichte der in der Ausstellung präsentierten Werke liest sich beinahe wie eine Novelle, die der Feder eines französischen Schriftstellers entsprungen sein könnte. So ist der Flaneur spätestens seit Baudelaire eine literarische Figur, die in der modernen Großstadt auf Unverhofftes und Unerwartetes trifft.

 

Die Zufallsbegegnung mit dem Buch über Auguste Rodin wird im Falle von Yong-Chang Chung zur schöpferischen Initialzündung. Der Koreaner "schlachtet" das Werk und überzeichnet die Reproduktionen der Aquarelle Rodins. Die Tuschzeichnungen Chungs sind grafische Anmerkungen zu Rodin und eigenständige Werke zugleich. Es sind Übermalungen, die beim Betrachter beständig die Fragen aufwerfen, was sich darunter befindet, was hinzukomponiert wurde und was nicht. Chungs Werke haben den Reiz dialektischer Bilder, mit denen er grafische Paraphrasen zu den Aquarellen Rodins gestaltete. Die besondere Anziehungskraft der Blätter Chungs besteht in der Wandelbarkeit und Unvorhersehbarkeit der künstlerischen Intervention. Chung hat "drippings" in Form von Tuschflecken wie auch abstrakte, grafische Kürzel geschaffen, die die Bewegungsimpulse der Darstellungen zu umschreiben oder gar zu motivieren scheinen. Bisweilen finden sich auch vollständige Überzeichnungen der Figuren, die gleich Schattenrissen die Blätter bevölkern und im Dialog mit den Gestalten Auguste Rodins stehen.

 

Die Münsteraner Ausstellung inszeniert die künstlerische Zwiesprache zwischen Rodin und Chung, indem sie die 131 Zeichnungen des Koreaners mit einer exemplarischen Werkauswahl von Zeichnungen Rodins konfrontiert. Hierbei handelt es sich um Werke des reifen Künstlers, die in der Verbindung aus Bleistift und Aquarell durch einen schnellen Duktus bestechen. Die Ungezwungenheit und erotische Freizügigkeit der Blätter wurde um die Jahrhundertwende von Zeitgenossen als skandalös und schamlos erachtet. So schrieb im Jahre 1900 Arthur Symons in einer kuriosen Mischung aus Bewunderung und Abscheu: "Das ist scheußlich und fesselnd zugleich und besitzt doch die Schönheit einer höheren Energie. Nichts Obszöneres ist jemals gemacht worden..." Zeitzeugen berichten, dass Rodin den Blick stets auf die sich frei und ungezwungen bewegenden Modell gerichtet hielt. Der Künstler selbst pflegte die ausgestellten Werke als "dessin minute" (Minuten-Zeichnungen) zu benennen. Auguste Rodin verabscheute jede Form des professionellen Posierens und ermutigte daher seine Modelle, möglichst natürliche und unakademische Haltungen einzunehmen.

 

Chungs Werke bezeugen, dass die expressive Kraft dieser Rodin-Zeichnungen in Verbindung mit ihrer freimütigen Erotik noch heute von höchster Aktualität ist. Die Zeichnungen des Koreaners folgen dem ästhetischen Prinzip der "Kunst über Kunst", als dessen großer konzeptueller Ahnherr sicherlich Marcel Duchamp gelten muss. Arnulf Rainer, der seit Mitte der Fünfiziger Jahre durch seine mehrheitlich schwarzen Über- und Zumalungen bekannt wurde, hat einmal den ästhetischen Reiz seiner Arbeiten durch den Umstand erklärt, dass das Werk des Anderen den "Humus" für das Eigene bedeute. Dies macht insbesondere auch das epochenübergreifende Rendezvous zwischen Auguste Rodin und Yong-Chang Chung in Münster sinnfällig.

 



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